Anwendung der ICD-10-WHO
Die ICD-10-WHO ist eine Diagnosenklassifikation, d.h. ein
Ordnungssystem zum Erschließen der Inhalte z.B. einer
Todesursachenbescheinigung: Welcher Kategorie in der Klassifikation
sind die Klartexteinträge in der Bescheinigung zuzuordnen, d.h.
durch welche(n) Kode(s) werden sie korrekt repräsentiert? Die
Zuordnung des oder der entsprechenden Kodes ist das Kodieren, in
der Todesursachenstatistik auch als Signieren bezeichnet.
Wie wird kodiert?
Zum Verschlüsseln benötigen Sie:
Was ist zu beachten?
Die wichtigsten Grundregeln lauten:
- Systematik und Alphabet müssen immer zusammen benutzt werden,
um den richtigen Kode zu finden.
- Kodiert werden kann nur, was auch ausreichend und richtig
dokumentiert worden ist. (Zur Verbesserung der Dokumentation der
Todesursachen in der Todesursachenbescheinigung hat das DIMDI in
Zusammenarbeit mit dem statistischen Bundesamt eine Anleitung zum
Ausfüllen der Todesursachenbescheinigung herausgebracht.)
Das umfangreiche Regelwerk in Band 2 der ICD-10-WHO enthält die
allgemeinen Regeln für die Verschlüsselung für Mortalität und
Morbidität und zahlreiche Beispiele.
In den einzelnen Kategorien des Systematischen Verzeichnisses sind häufig
Subklassifikationen und Klassenattribute enthalten, z.B.
Definitionen von Diagnosen, Inklusiva und Exklusiva (Einschluss-
und Ausschlussvermerke) und Kodierhinweise. Auch auf den
übergeordneten Hierarchieebenen, also unter den Untergruppen-,
Gruppen- und Kapitelüberschriften, gibt es ggf. solche
Klassenattribute; sie gelten dann für alle nachgeordneten
Kodes.
Das Alphabetische Verzeichnis enthält eine Einführung
in seine Benutzung mit Hinweisen, wie Sie bei Ihrer Suche nach
einer Krankheitsbezeichnung am besten vorgehen.
Wo gibt es weitere Informationen?
Die Broschüre "Basiswissen Kodieren" bezieht sich zwar auf die
ICD-10-GM, vieles betrifft aber die ICD-10-WHO in gleicher
Weise.
Allgemeine Fragen zur ICD und zur Verschlüsselung sind in den
FAQs beantwortet.
Die WHO bietet ein englischsprachiges Trainingstool zur ICD-10 der WHO
an, in dem die Struktur der Klassifikation und das Kodieren
interaktiv erklärt werden; das Tool kann kostenfrei online benutzt werden.
Kodierbeispiel Wirbelsäulenfraktur
Am einfachsten ist die Verschlüsselung mit dem Alphabetischen
Verzeichnis. Es enthält in alphabetischer Sortierung mehr als
75.000 Diagnosen, denen jeweils der passende ICD-10-WHO-Kode
zugeordnet ist. Den im Alphabet gefundenen Kode müssen Sie aber in
der Systematik noch einmal nachschlagen: Zum einen müssen Sie sich
vergewissern, dass Sie mit dem gefundenen Kode im richtigen Kontext
innerhalb der Systematik liegen. Zum anderen könnten sich dort auf
den verschiedenen Hierarchieebenen der Klassifikation noch
spezifische Hinweise zur Kodierung finden, die den Kode, die Gruppe
oder das ganze Kapitel betreffen.
Wie wird eine "Wirbelsäulenfraktur" verschlüsselt?
- Wenn der Suchbegriff aus mehreren Komponenten besteht,
identifizieren Sie zunächst den oder die Leitbegriffe. Im Bsp. sind
mögliche Leitbegriffe Fraktur, Wirbel und Wirbelsäule.
- Stellen Sie fest, ob es sich um eine Krankheit, eine Verletzung
oder einen Zustand handelt, der den Kapiteln I bis XIX oder XXI der
Systematik zuzuordnen ist; in diesem Fall müssen Sie in Teil I des
Alphabets der ICD-10-WHO suchen. Handelt es sich um die äußere
Ursache einer Verletzung oder um ein Ereignis, dass Kapitel XX
zuzuordnen ist, müssen Sie in Teil II suchen. Vergiftungen mit
Arzneimitteln und Chemikalien und Nebenwirkungen von Arzneimitteln
finden Sie in Teil III. Bei der Wirbelsäulenfraktur handelt es sich
um eine Verletzung, es muss also in Teil I nachgeschlagen
werden.
- Schlagen Sie in Teil I unter "Fraktur, Wirbel" nach. Dort
finden Sie unter den eingerückten Begriffen (den Modifikatoren) den
Eintrag: Wirbel, Wirbel- (Bogen) (Dornfortsatz) (Körper)
(Querfortsatz) (Rücken) (Säule) (Stiel) und den Kode T08. Die in
Klammern genannten Bezeichnungen und Komposita fallen alle unter
den Kode T08, also auch die Fraktur der Wirbelsäule. Gelegentlich
werden Sie über Verweise zum korrekten Eintrag geführt. Schlagen
Sie z.B. unter "Wirbel" nach, finden Sie den Verweis "s. Art der
Krankheit"; Sie müssen also unter der Art und nicht unter der
Lokalisation der Krankheit nachschlagen.
- Wenn Sie diese Schlüsselnummer in der Systematik nachschlagen,
finden Sie für die vierte Stelle eine Subklassifikation für eine
Differenzierung nach geschlossener (0) bzw. offener (1) Fraktur.
Sie finden außerdem den Hinweis, dass eine Fraktur, die nicht als
geschlossen oder offen gekennzeichnet ist, als geschlossene Fraktur
klassifiziert werden sollte. Dem Regelwerk können Sie entnehmen,
dass die 4. Stelle durch einen Punkt abgetrennt wird und dass im
internationalen Berichtswesen die 4. Stelle nicht relevant ist; sie
kann bei der Verschlüsselung im konkreten Fall je nach
Fragestellung aber bedeutsam sein.
- Der gesuchte Kode ist also T08.0. Aber Vorsicht: Sie finden in
der Kategorie T08 außerdem einen Ausschlussvermerk, der besagt,
dass bei multiplen Frakturen statt des Kodes T08 der Kode T02.1
zutreffend ist.
- Außerdem sollten Sie sich vergewissern, dass es keine weiteren
Hinweise zur Kodierung oder Ausschlussvermerke unter der
Überschrift der übergeordneten Gruppe "Verletzungen nicht näher
bezeichneter Teile des Rumpfes, der Extremitäten oder anderer
Körperregionen (T08-T14) und unter der Kapitelüberschrift
"Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer
Ursachen (S00-T98) gibt, die sich auch auf den Kode T08 beziehen.
Bei beiden gibt es Ausschlussvermerke, die Sie beachten müssen.
Handelt es sich bei der Wirbelsäulenfraktur in Ihrem Fall z.B. um
ein Geburtstrauma beim Neugeborenen, müssen Sie statt T08 einen
Kode aus P10-P15 wählen.
- Der gesuchte Kode ist T08.0, wenn Sie alle Ausschlussvermerke
und sonstige Hinweise auf allen Hierarchieebenen korrekt beachtet
haben und dort nicht ein anderer, für Ihren speziellen Fall
zutreffender Kode angegeben ist.