Für die Dokumentationsbelange der meisten medizinischen Fachgebiete ist die ICD-10 - wie auch bereits die ICD-9 - nicht spezifisch genug. Oft werden mehrere wohlunterschiedene Krankheitsentitäten unter einer einzigen vierstelligen Schlüsselnummer zusammengefaßt, nicht selten wird relevante Information erst auf einer optionalen fünften Stelle festgehalten, so z.B. bei Frakturen die Angabe, ob es sich um eine offene oder eine geschlossene Fraktur handelt. Daher wünschen viele Disziplinen Spezialausgaben der ICD-10, die über die vierte Stelle hinausgehen und eine detailliertere Verschlüsselung ermöglichen.
Unser "Verzeichnis von ICD-Ausgaben und anderen krankheits- und gesundheitsrelevanten Klassifikationen" weist u.a. solche Spezialausgaben nach.
Bevor Sie viel Zeit und Arbeit in die Erstellung einer Spezialausgabe für Ihr Fachgebiet investieren, möchten wir Ihnen einige Hinweise und Tips geben:
In der amtlichen Ausgabe gibt es folgenden Dreisteller, der nicht weiter unterteilt ist:
N47 Vorhauthypertrophie, Phimose und Paraphimose
Präputiale Adhäsion
Vorhautverengung
Inkompatibel wäre folgende Unterteilung auf vierter Stelle, da sich an der Schlüsselnummer nicht mehr erkennen läßt, ob es sich um einen "amtlichen Viertsteller" oder um eine Erweiterung durch die Spezialausgabe handelt. Übermitteln Sie z.B. N47.0 an eine Krankenkassen, so wird sie wahrscheinlich von deren EDV zurückgewiesen, weil sie dort nicht bekannt ist.
N47 Vorhauthypertrophie, Phimose und Paraphimose N47.0 Phimose N47.1 Paraphimose N47.2 Präputiale Adhäsion N47.9 Vorhautverengung
Kompatibel ist dagegen folgende Unterteilung auf fünfter Stelle:
N47 Vorhauthypertrophie, Phimose und Paraphimose N47.X0 Phimose N47.X1 Paraphimose N47.X2 Präputiale Adhäsion N47.X9 Vorhautverengung
Hier läßt sich die "amtliche" Schlüsselnummer rekonstruieren, indem man von der fünften Stelle ab alle Ziffern abschneidet und vierte Stellen der Form .X entfernt.
C79 Sekundäre bösartige Neubildung an sonstigen Lokalisationen
C79.0 Sekundäre bösartige Neubildung der Niere und des Nierenbeckens
C79.1 Sekundäre bösartige Neubildung der Harnblase sowie sonstiger und
nicht näher bezeichneter Harnorgane
C79.2 Sekundäre bösartige Neubildung der Haut
C79.3 Sekundäre bösartige Neubildung des Gehirns und der Hirnhäute
C79.4 Sekundäre bösartige Neubildung sonstiger und nicht näher
bezeichneter Teile des Nervensystems
C79.5 Sekundäre bösartige Neubildung des Knochens und des Knochenmarkes
C79.6 Sekundäre bösartige Neubildung des Ovars
C79.7 Sekundäre bösartige Neubildung der Nebenniere
C79.8 Sekundäre bösartige Neubildung sonstiger näher bezeichneter
Lokalisationen
Ergänzen Sie an dieser Stelle nicht
C79.9 Nicht näher bezeichnete sekundäre bösartige Neubildung
Diese Schlüsselnummer ist nicht mehr von einer "amtlichen" vierstelligen Schlüsselnummer zu unterscheiden. (Im übrigen wird eine "nicht näher bezeichnete sekundäre bösartige Neubildung" = "Metastase o.n.A." mit C80 verschlüsselt.)
An manchen Stellen der ICD-10 ist bereits in der amtlichen Ausgabe eine weitere Differenzierung auf fünfter Stelle vorgesehen:
S72 Fraktur des Femurs
Die folgenden 5. Stellen können wahlweise zusätzlich benutzt
werden, wenn die multiple Verschlüsselung von Frakturen mit offenen
Wunden nicht möglich oder nicht erwünscht ist. Eine Fraktur, die
nicht als geschlossen oder offen gekennzeichnet ist, sollte als
geschlossene Fraktur klassifiziert werden.
0 geschlossen
1 offen
S72.0 Schenkelhalsfraktur
S72.1 Pertrochantäre Fraktur
S72.2 Subtrochantäre Fraktur
S72.3 Fraktur des Femurschaftes
S72.4 Distale Fraktur des Femurs
...
Will man z.B. die distalen Femurfrakturen weiter differenzieren und die Unterscheidung zwischen offenen und geschlossenen Frakturen beibehalten, so sind zwei Lösungen möglich:
S72.4 Distale Fraktur des Femurs S72.40 Suprakondyläre Femurfraktur S72.400 geschlossen S72.401 offen S72.41 Kondyläre Femurfraktur S72.410 geschlossen S72.411 offen ...
S72.4 Distale Fraktur des Femurs S72.40 Geschlossene distale Fraktur des Femur S72.400 suprakondylär S72.401 kondylär ... S72.41 Offene distale Fraktur des Femur S72.410 suprakondylär S72.411 kondylär ...
Im ersten Fall wird die Unterscheidung zwischen offen und geschlossen auf die sechste Stelle verlagert; das ist übersichtlicher und läßt auch eine weitere Differenzierung der offenen Frakturen (z.B. nach dem Schweregrad auf der siebten Stelle) zu. Allerdings geht die Kompatibilität zur amtlichen Fassung auf der fünfte Stelle verloren. Da die fünfte Stelle jedoch (noch?) nicht zur Erfüllung der gesetzlichen Aufgaben erforderlich ist, ist dies (zur Zeit?) unproblematisch.
Im zweiten Fall bleibt die Unterscheidung zwischen offen und geschlossen auf der fünften Stelle erhalten. Darunter leidet jedoch die Übersichtlichkeit der Klassifikation - vor allem, wenn auch der Schweregrad bei offenen Frakturen in die Klassifikation eingehen soll.
Nach den Verschlüsselungsregeln der ICD-10 hat bei Kreuz-Stern-Verschlüsselung die Kreuzschlüsselnummer Vorrang. Die korrekte Verschlüsselung einer diabetischen Retinopathie bei Typ-I-Diabetes nach der amtlichen Ausgabe ist E10.3+ H36.0*. Dabei steht E10.3+ für Typ-I-Diabetes mit Augenkomplikationen, H36.0* für Retinopathia diabetica. Die alleinige Verschlüsselung mit H36.0* ist unzulässig.
Soll nun die diabetische Retinopathie weiter differenziert werden, so kann dies auf fünfter Stelle von H36.0* geschehen, jedoch muß das Sternchen erhalten bleiben (H36.00*, H36.01* etc.); diese Schlüsselnummern dürfen stets nur zusätzlich zu E10.3+ benutzt werden. Sie dürfen nicht als einzige Schlüsselnummern zur Dokumentation oder zur Erfüllung der gesetzlichen Aufgaben angegeben werden.
Zur Verschlüsselung von Schilddrüsenkarzinomen sieht die ICD-10 nur die Schlüsselnummer C73 Bösartige Neubildung der Schilddrüse vor. Die histologischen Typen können mit M-Schlüsselnummern aus der "Morphologi der Neubildungen" aus Band I der ICD-10 angegeben werden, z.B.
M8330/3 Follikuläres Adenokarzinom o.n.A.
M8331/3 Follikuläres Adenokarzinom, gut differenziert
M8332/3 Follikuläres Adenokarzinom, trabekulär
M8340/3 Papilläres Karzinom, follikuläre Variante
M8510/3 Medulläres Karzinom o.n.A.
M8511/3 Medulläres Karzinom mit amyloidem Stroma
...
Demnach würde ein "gut differenziertes follikuläres Schilddrüsenkarzinom" mit C73 M8331/3 verschlüsselt. Wir würden dieses Vorgehen einer weiteren Unterteilung der Schlüsselnummer C73 nach histologischen Gesichtspunkten vorziehen.
© DIMDI 1995-2010 Letzte Änderung: 27.01.06 a.sibwin