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1992-2009: Schwerpunkt medizinische Begriffssysteme und Informationssysteme

Bereits Mitte der 80er Jahre zeichneten sich Änderungen für die Arbeitsaufträge des DIMDI ab: Das Gesundheitsministerium setzte auf IT-Unterstützung bei der Umsetzung von Gesetzen, die medizinische Inhalte berührten. Daraus ergaben sich in den Folgejahren viele neue Aufgaben für das DIMDI:

  • Herausgabe von Klassifikationen zur Verschlüsselung von Diagnosen und Prozeduren (Gesundheitsstrukturgesetz 1992, Krebsregistergesetz 1994 et al.)
  • Informationssystem für Medizinprodukte (Medizinproduktegesetz 1994 et al.)
  • Informationssystem für Arzneimittel (Arzneimittelgesetz 1998 et al.)
  • Informationssystem für Health Technology Assessment mit einem Programm zur Herausgabe von HTA-Berichten (GKV Gesundheitsreformgesetz, 2000 et al.)

Neue Aufgaben

Seit 1993 bzw. 1994 gibt das DIMDI die medizinischen Klassifikationen ICD und OPS in jährlichem Rhythmus heraus, die heute nicht mehr nur als Grundlage für die Erstellung von Statistiken und Registern dienen, sondern erheblich an Bedeutung gewonnen haben (siehe unten). 1995 wurde das Kuratorium für Fragen der Klassifikation im Gesundheitswesen beim Bundesministerium für Gesundheit (KKG) gegründet. Die Geschäftsstelle ist beim DIMDI angesiedelt.

In den Anfängen des Informationssystems Medizinprodukte ab 1994 erfasste das DIMDI zunächst die Daten aus den eingereichten Formularen für die nach dem Medizinproduktegesetz abgegebenen Anzeigen von Medizinprodukten und In-vitro-Diagnostika in Datenbanken. Im nächsten Schritt stellte das DIMDI Formulardateien auf Disketten, später auch über die Internetseiten zur Verfügung. Die Angaben aus den ausgefüllten elektronischen Formularen wurden vom DIMDI in die Datenbanken eingespeist.

Mit dem Thema Medizinprodukte übernahm das DIMDI auch weitere klassifikatorische Aufgaben: z. B. 1997 die Herausgabe des deutschsprachigen UMDNS (Nomenklatur für Medizinprodukte).

Seit 1995 betreibt das DIMDI das Arzneimittel-Informationssystem (AMIS) der deutschen Zulassungsbehörden (BfArM, PEI, BVL) mit amtlichen Daten, die teilweise auch öffentlich zugänglich sind. Das Hosting des Ursprungsssystems des früheren Bundesgesundheitsamtes lag bereits seit 1982 in der Verantwortung des DIMDI.

Den ursprünglichen Auftrag, die Informationsversorgung, gewährleisteten zunehmend die Online-Recherchemöglichkeiten beim DIMDI. Immer mehr Informationsnetze und Informationsvermittlungsstellen standen für die Recherche mithilfe der Online-Dienste des DIMDI zur Verfügung. Seit 1995 sind die Datenbanken beim DIMDI auch über das Internet zu erreichen - damit noch leichter zugänglich und für jeden selbst recherchierbar.

Europäische Vernetzung

Prof. Dr. Harald Schweim (1996-2002) löste als Direktor des DIMDI Dr. Fritz nach dessen Pensionierung im Jahr 1996 ab. Der Pharmazeut war zuvor Leiter der Abteilung "Arzneimittelzulassungen" im BfArM gewesen. Unter der Leitung von Direktor Schweim ging das DIMDI mit seinem gesamten Angebot ins Internet und die Arbeiten an den neuen Informationssystemen für Arzneimittel, Medizinprodukte und Health Technology Assessment begannen.

1998 stellte das DIMDI die Auftragsrecherchen ein, doch das Datenbankangebot wuchs noch an bis zu 90 Datenbanken im Jahr 2002. Heute nimmt dasHosting von medizinischen Literatur- und Faktendatenbanken beim DIMDI nur noch einen kleinen Raum ein und ist vor allem eine flankierende Maßnahme für die speziellen Informationssysteme im gesetzlichen Auftrag. Die IT-Strukturen des DIMDI nutzten und nutzen seither zunehmend andere Bundesbehörden, so für das Hosting ihrer Internetseiten, als Reserveleistung eigener Systeme und als Entwicklungsplattform (z. B. BfArM, BZgA, ZB MED).

1998 ging auch das EU-Projekt EINS (European Information Network Services) in den Wirkbetrieb mit dem Ziel, über eine Oberfläche den Zugriff auf ein breites Spektrum von Datenbanken bei verschiedenen europäischen Datenbankhosts anzubieten. Das DIMDI trug mit den medizinischen Datenbanken wesentlich dazu bei. Die technischen Voraussetzungen für EINS gehen letztlich auf das EU-Projekt BRIDGE zurück, das schon 1993 die engere Zusammenarbeit europäischer Host-Dienste zum Ziel hatte, und das Projekt CIME.

BRIDGE schaffte das Gateway zu anderen Datenbanken, die man als sinnvolle Ergänzung des eigenen Angebots betrachtete, aus Kostengründen aber nicht selbst implementieren wollte. Die Verbundpartner des DIMDI in diesem Projekt waren die European Space Agency (ESA) und Questel, das französische Pendant des DIMDI. Andere Projekte wie beispielsweise das ADLIB (Advanced Database Linkages in Biotechnology) sammelten Erfahrungen mit der Verknüpfung von Datenbanken und dem Internet, mit der engeren Vernetzung der Angebote und Integration von Multimedia-Daten europäischer Hosts (CIME) oder mit der Verfügbarkeit von Ethik-Informationen (EUROETHICS).

CIME und BRIDGE schafften letztlich die technischen Voraussetzungen, um mehrere europäische Datenbanken unter einem einzigen Vertrag und mit einer einheitlichen Recherche-Oberfläche im späteren Projekt EINS anzubieten. Das DIMDI war an allen Projekten maßgeblich beteiligt.

Qualitätssicherung

Bis zum Jahr 2000 setzte das DIMDI noch zentrale Großrechner (BS2000 Mainframe) als Datenbankserver ein, die im Folgenden durch eine moderne technische Unix-Plattform ersetzt wurden. Das bedeutete eine Portierung des gesamten Datenbanksystems sowie die anschließende Migration der Datenbanken und Anwendungen während des laufenden Betriebs. Portierung und Migration wurden planmäßig bis 2003 abgeschlossen. 

Im Jahr 2000 erhielt das DIMDI den gesetzlichen Auftrag zur Bewertung von gesundheitsrelevanten Verfahren - Health Technology Assessment (HTA). Dies umfasst neben Aufbau und Betrieb eines Informationssystems auch ein Programm zur Herausgabe von HTA-Berichten von ausgewiesenen wissenschaftlichen Experten. Die Deutsche Agentur für HTA des DIMDI wurde noch im Jahr 2000 gegründet (DAHTA@DIMDI) und vertritt das DIMDI auch auf internationaler Ebene in dieser Sache.

Die HTA-Arbeit des DIMDI wird unterstützt durch einen wissenschaftlichen Beirat, der vor allem in wissenschaftlicher Hinsicht berät, und durch das Kuratorium HTA mit Vertretern der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Das Kuratorium befasst sich unter anderem mit der Themenfindung und Prioritätensetzung für HTA-Berichte. In der eigenen DAHTA-Datenbank finden sich heute die vom DIMDI herausgegebenen HTA-Berichte (ca. 50 %) und Berichte von anderen nationalen Institutionen (u. a. IQWiG, KBV, G-BA) und internationalen Institutionen (u. a. in Kanada und Frankreich).

Ausbau der Informationssysteme

Ab 2000 leitete Direktor Schweim gleichzeitig auch kommissarisch das BfArM in Bonn. Im Jahr 2002 wurde er zu dessen Präsident ernannt und verließ das DIMDI. Neuer Direktor im DIMDI wurde Dr. Frank Warda (2002-2005). Der Arzt war zuvor als selbständiger Unternehmer im Bereich medizinischer Dokumentationssoftware und Praxis-EDV tätig.

In seine Amtszeit fielen unter anderem die Freischaltung der Informationssysteme für Health Technology Assessment und Medizinprodukte, Aufbau und Betrieb des elektronischen FachjournalsGerman Medical Science in Kooperation mit AWMF und ZB MED, der Start des Projekts PharmNet.Bund und die Erweiterung des Bereichs Klassifikationen um mehr Begriffssysteme als Grundlagen für den elektronischen Datenaustausch im Gesundheitswesen.

Der Aufbau des heutigen Medizinprodukte-Informationssystems war eine Pionierleistung des DIMDI, das Modell und Anstoß war für das entsprechende europäische Datenbanksystem. 2003 gingen beim DIMDI die erstenOnline-Erfassungssysteme mit Workflow-Komponenten und automatischen Benachrichtigungssystemen in Betrieb. Damit erfolgt die Anzeige von Medizinprodukten und In-vitro-Diagnostika, klinischen Prüfungen/Leistungsbewertungsprüfungen etc. in Deutschland mittlerweile papierlos.

Im Bereich Arzneimittel-Informationen übernahm das DIMDI 2003 zusätzlich den technischen Betrieb des Systems zur dezentralen Zulassung für Arzneimittel in Europa, Communication and Tracking System (CTS), und setzte es auf eine neue technische Plattform um.

Das ressortübergreifende Projekt PharmNet.Bund startete 2004: Das Portal für Arzneimittelinformationen des Bundes und der Länder führt bundesweit vorliegende Arzneimitteldaten für die regulative Abwicklung und die Recherche zusammen. Dabei fungiert das DIMDI nicht nur als technische Plattform, sondern hat auch die Projektleitung inne. Seit 2004 gibt das DIMDI auch die deutschsprachige Fassung der Anatomisch-Therapeutisch-Chemischen (ATC)-Klassifikation mit definierten Tagesdosen heraus.

Ausbau der medizinischen Begriffssysteme

Die medizinischen Klassifikationen ICD und OPS dienen seit dem Jahr 2000 nicht mehr nur als epidemiologische Grundlage für die Erstellung von Statistiken und Registern: Sie haben als Grundlage für das Engeltsystem (G-DRG) zur Abrechnung der Leistungen in Klinik (G-DRG) und ärztlicher Praxis erheblich an Bedeutung gewonnen. Die internationale Expertise des DIMDI für medizinische Klassifikationen wurde 2003 bestätigt durch die Ernennung zum WHO-Kooperationszentrum für das System internationaler Klassifikationen.

Das DIMDI veröffentlicht und pflegt seit 2005 außerdem eine Reihe weiterer Klassifikationen sowie Terminologien und Ordnungssysteme (z. B. Alpha-ID, LOINC, OID, UCUM). Letztere dienen vor allem der einheitlichen medizinischen Dokumentation und unterstützen dadurch den elektronischen Datenaustausch im Gesundheitswesen (Gesundheitstelematik).

Seit 2003/2004 veränderte sich das Datenbankangebot beim DIMDI: Neue Datenbanken kamen hinzu, wenig genutzte und nicht mehr aktualisierte Datenbanken entfielen. Daraus ergab sich eine heute kleinere Anzahl von über 60 Datenbanken, die sich inhaltlich stärker auf die gesetzlichen Aufgaben fokussieren.

Vernetzung und Standardisierung

Im Dezember 2005 übernahm der Physiker Dr. Dietrich Kaiser zunächst kommissarisch, ab August 2006 hauptamtlich die Institutsleitung. Nach seiner wissenschaftlichen Tätigkeit mit den Schwerpunkten Programmierung und Projektleitung begann er 1986 beim DIMDI als Systemanalytiker in der Software-Entwicklung. 1999 wurde er Gruppenleiter und zwei Jahre später Leiter der Abteilung Datenverarbeitung und Informationssysteme und damit der gesamten Technik im DIMDI. Als stellvertretender Direktor war er bereits seit 2002 an der Institutsleitung beteiligt.

PharmNet.Bund ging 2007 mit den ersten Teilprojekten "Elektronische Änderungsanzeigen" und "Clinical Trials" online. Das Arzneimittel-Informationssystem der deutschen Zulassungsbehörden ist seither ebenfalls in PharmNet.Bund integriert. Mitte 2008 ging die erste Stufe des sogenannten GMP-Registers zur "Good Manufacturing Practice" online. Damit werden Herstellungs- und Einfuhrerlaubnisse durch die Länderbehörden erfasst. Das Register unterstützt die Überwachung von Arzneimittel-Herstellung und -Qualitätssicherung. Im Dezember 2008 wurde das öffentliche Register nach Transfusionsgesetz §9 freigeschaltet. Das TFG-§9-Register enthält Angaben über Einrichtungen, die Blutstammzellzubereitungen in Deutschland herstellen oder einführen.

Das EU-Projekt epSOS (European Patients Smart open Services) wurde 2007 ins Leben gerufen mit dem Ziel, die europäischen Gesundheitssysteme stärker zu vernetzen und grenzüberschreitende Gesundheitsdienste zu entwickeln. Das DIMDI ist seit Projektstart maßgeblich daran beteiligt und in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv: semantische Interoperabilität, elektronisches Rezept und Patientenakte.

Darüber hinaus ist das DIMDI mittlerweile in verschiedenen Standardisierungsgremien vertreten, so im Normenausschuss Medizin des DIN. Als Delegierte des DIN sind Mitarbeiterinnen des DIMDI am internationalen Standardisierungsprozess der Technischen Komitees für Medizin beim CEN (TC251) und beim ISO (TC 215) beteiligt. Das DIMDI unterstützt das Joint Initiative Council, bestehend aus ISO, CEN, Health Level Seven (HL7), Clinical Data Standards Interchange Consortium (CDISC), International Health Terminology Standards Development Organisation (IHTSDO) u. a. bei der Entwicklung von gemeinsamen Standards in der Gesundheitstelematik. Zu den internationalen Diskussionspartnern des DIMDI zu diesen Themen gehören auch die EMA, die WHO und die European Health Telematics Association (EHTEL).

Das vom DIMDI entwickelte Classification Tool Kit (CTK) unterstützt seit 2008 die Pflege und jährliche Produktion der umfangreichen Dateipalette von ICD-10-GM und OPS. Auch die WHO und andere WHO-Klassifikationszentren setzen das CTK des DIMDI für ihre Arbeit ein. Im Juni 2008 wurde das DIMDI als WHO-Klassifikationszentrum für das System Internationaler Klassifikationen bestätigt und ist als solches nicht nur in technischen Arbeitsgruppen aktiv, sondern arbeitet auch in konzeptionellen Arbeitsgruppen der WHO-Klassifikationszentren maßgeblich mit.

Aktuelle Projekte

Insbesondere mit dem Versandapothekenregister bietet das DIMDI heute nicht mehr nur Informationen für Fachkreise, sondern für eine zunehmend breitere Öffentlichkeit. Das Register ging im April 2009 online und enthält Apotheken mit einer Versandhandelserlaubnis für Deutschland. Über das damit verknüpfte Sicherheitslogo bei zugelassenen Versandapotheken kann jeder überprüfen, ob für eine Apotheke eine Versandhandelserlaubnis vorliegt.

Als erste Bundesbehörde gab das DIMDI im Juni 2009 eine Herstellererklärung für die qualifizierte elektronische Signatur ab. Die Bundesnetzagentur veröffentlichte diese Herstellererklärung im August 2009 für die Software DeSign Version 1.0.1, die das DIMDI entwickelt hat. Die Rechtssicherheit für den elektronischen Geschäftsverkehr wird durch die Verwendung sogenannter qualifizierter elektronischer Signaturen erreicht, die der eigenhändigen Unterschrift gleichgestellt sind. Mit Veröffentlichung der Herstellererklärung des DIMDI bestätigt die Bundesnetzagentur die Erfüllung der Bestimmungen gemäß Signaturgesetz.

Das DIMDI unterstützt mit DeSign zukünftig den rechtssicheren elektronischen Geschäftsverkehr in seinen Informationssystemen, beispielsweise Verfahren im Rahmen von PharmNet.Bund. Die erste Anwendung werden hier die Elektronischen Änderungsanzeigen im Rahmen des elektronischen Antragsverfahrens für die Zulassung von Arzneimitteln in Deutschland sein.

Mehr zur Geschichte des DIMDI:

Ergänzende Informationen auf unserer Website: